Volker Gallé
Vortrag am 22. November 2025 im Mainzer Institut français im Auftrag der Friedrich Christian Laukhard Gesellschaft e.V.
Laukhards Reportage aus dem Schützengraben während der Belagerung von Mainz März bis Juli 1793
Nach der Kapitulation der kurmainzischen Militärführung besetzten französische Revolutionstruppen unter General Adam-Philippe de Custine (1740 – 1793) am 21. Oktober 1792 die Stadt Mainz. Schon zwei Tage später wurde die „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit“ gegründet, die nach den Ideen der französischen Revolution die Ausrufung einer Republik ins Auge fasste.
Bereits in den Jahren zuvor hatte sich im Zuge einer an den Gedanken der Aufklärung orientierten Universitätsreform von Kurfürst Friedrich Karl von Erthal durch die Vervierfachung und Neubesetzung von Stellen ein geistiges Reformklima gebildet. Davon zeugen theologische und philosophische Debatten, aber auch die Gründung einer Lesegesellschaft in den Jahren 1781/82 und eines studentischen Lesezirkels. Bereits ab 1765 bestand eine Freimaurerloge. Die Geselligkeit jenseits von Stand und Konfession in diesen Gemeinschaften schuf eine Inselerfahrung von Freiheit und Gleichheit innerhalb der feudalen Ständegesellschaft. Aus den hier verkehrenden aufklärerischen Professoren- und Studentenkreisen kamen dann auch die Protagonisten der Mainzer Republik 1792/93.
Als in Paris am 14. Juli 1789 mit dem Sturm auf die Bastille eine Revolution ausbrach, beendete der Kurfürst aus Angst vor einem Volksaufstand sein Aufklärungsexperiment. Der Kurstaat „reagierte mit Zensur, Strafen und Gewalt. Briefe wurden geöffnet, Vorlesungen überwacht, Spitzel lauerten überall.“ (Schweigard, S. 20) Die Aufklärer um Georg Forster, Anton Joseph Drosch, Andreas Joseph Hofmann und Felix Anton Blau kritisierten diesen reaktionären Kurs. Aus ihrer Sicht war die französische Revolution eine Folge der Aufklärung und die Besetzung der Stadt durch revolutionäre Truppen eine Chance für eine Neugestaltung der politischen Verhältnisse. Die im Frühjahr 1793 angesetzten Wahlen zum rheinisch-deutschen Nationalkonvent waren allerdings dadurch eingeschränkt, dass nach Maßgabe der Franzosen im Gebiet zwischen Bingen und Landau nur wählen durfte, wer zuvor einen Eid auf die französische Verfassung geleistet hatte. Das verweigerten viele Einwohner, je nach Gemeinde in unterschiedlichem Umfang und aus unterschiedlichen Gründen. Die schließlich am 18. März 1793 vom rheinisch-deutschen Nationalkonvent ausgerufene Republik war nicht von langer Dauer, weil es zu einer Gegenoffensive deutscher Truppen kam. Es handelte sich um preußische, österreichische, sächsische, hessische sowie pfalzbayrische Kontingente, die Mitte April den Belagerungsring um Mainz schlossen. Da die deutschen Truppen anfangs nicht genügend Artillerie und Mannschaften für einen Angriff hatten, kam es zunächst nur zu Kämpfen zwischen den Linien. Am 23. Juli 1793 erfolgte die Kapitulation des französischen Militärs.
Friedrich Christian Laukhard (1757 – 1822) aus Wendelsheim bei Alzey war als Soldat des preußischen Regiments von Thadden Teil der Belagerungsarmee. An Weihnachten 1783 hatte er sich in Halle anwerben lassen. Nachdem er mit einer Arbeit über Giordano Bruno promoviert worden war, hatte er kurze Zeit als Dozent gelehrt. Da seine Hörer aber oft nicht zahlten, sein bisheriger Lebenswandel zu einer Anhäufung von Schulden geführt hatte und sein Vater, ein protestantischer Pfarrer, ihm kein Geld mehr überwies, ließ er sich als Musketier anwerben. Im Juni 1792 zog sein Regiment in den ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich und Laukhard machte die erfolglose Kanonade von Valmy vom 20. September 1792 und den Rückzug aus der Champagne mit. Parallel dazu erschienen beim Hallenser Verleger Franz Heinrich Bispink (1749 – 1820) die ersten beiden Teile seiner Autobiografie unter dem Titel „Leben und Schicksale“. Nachdem er im September 1793 nach einem Spionageauftrag in der französischen Festung Landau desertiert und nach dem Fall der Festung nach Frankreich geflohen war, erschienen Ende 1793 in Halle seine „Briefe eines preußischen Augenzeugen über den Feldzug des Herzogs von Braunschweig gegen die Neufranken im Jahr 1792“, ein Jahr später eine Fortsetzung. Darin wird bereits der seine Autobiografie prägende Stil der Sozialreportage aus teilnehmender Beobachtung sichtbar. Über den „jämmerlichen Rückzug“ aus der Champagne schrieb er, an einem Ruhetag des scheußlichen Marsches habe man Soldaten ohne Gewehr und Patronentasche gesehen: „Die armen Leute hatten schon vollauf Mühe, nur ihre Körper fortzuschleppen, warfen also ihre Waffen weg, unter deren Last sie sonst hätten erliegen müssen.“ (Laukhard, S. 191) Das habe selbst der König den Ermatteten geraten, aber auch Generäle und Offiziere, „in deren Busen noch Menschlichkeit rege war.“ (Laukhard, S. 192) In zwei Kapiteln beschreibt er dann die unzumutbare Situation in den Feldlazaretten.
Am 14. April 1793 wurde Mainz durch die deutschen Truppen eingekesselt. Der bekanntere Bericht dazu stammt von Johann Wolfgang von Goethe, der im Gefolge Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach am Feldzug teilnahm. Der Herzog befehligte ein Regiment. Goethe verfasste diesen Bericht allerdings erst in den Jahren 1820 bis 1822, also etwa 30 Jahre nach den Ereignissen. Dazu las er ältere Quellen, darunter auch Laukhards Schilderungen. (Sangmeister, S. 414 und 417, Anm. 3) Trotz dieses Abgleichs findet sich in Goethes Text dann doch eher die Sicht eines privilegierten Beobachters. So heißt es am 3.6.1793: „Große Mittagstafel bei Herrn von Stein auf dem Jägerhause (Ober-Olmer Forsthaus, der Verf.); herrliches Wetter. Unschätzbare Aussicht, ländlicher Genuß, durch Szenen des Todes und Verderbens getrübt.“ (zitiert nach Gallé, S. 215) Und auch wenn er die Zerstörung von Gebäuden bedauert, schreibt er angesichts des Bombardements der Stadt durch die Artillerie der Belagerer, der englische Maler Charles Gore, der ebenfalls vor Ort war, habe „den Vorfall künstlerisch behandelt“. Zusammenfassend war die Belagerung für ihn „ein seltener, wichtiger Fall, wo das Unglück selbst malerisch zu werden versprach.“ Die Scharmützel im Niemandsland zwischen beiden Seiten schildert er allerdings auch. So heißt es: „Den 2. Juni ward ein Bauer aus Oberulm gehangen, der beim Überfall die Franzosen angeführt hatte: denn ohne die genauste Kenntnis des Terrains wäre das schlängelnde Heranziehen nicht denkbar gewesen; zum Unglück für ihn wußte er nicht ebenso gut mit den Rückkehrenden die Stadt zu erreichen und wurde von den ausgesandten Patrouillen, die alles auf das sorgfältigste durchsuchten, eingefangen.“ (Projekt Gutenberg, S. 3, Hamburger Ausgabe Band 10) Laukhard berichtet ebenfalls von diesem Ereignis, aber hier erfährt man: „Der bei diesem Vorgang von den Franzosen als Wegweiser gebrauchte Gerichtsschreiber Lutze von Oberolm wurde aufgefangen, und einige Tage nachher am Chausseehause aufgeknüpft. Er ging mit der größten Gleichgültigkeit zum Tode, und schlug den Beistand des katholischen Pfarrers von Oberolm aus. Merlin (de Thionville, frz. Kommissar, der Verf.) hatte ihn mit Gewalt zum Wegweiser gezwungen, wie dies nachher selbst mehrere Franzosen aussagten: und doch henkte man ihn als Spion! … Der arme Lutze hinterließ eine Frau mit fünf Kindern.“ (Laukhard, S. 373/374) Auf der Website der Ortsgemeinde heißt es, Michael Lutz sei an einem gescheiterten Versuch der französischen. Revolutionstruppen beteiligt gewesen, das preußische Hauptquartier in Marienborn einzunehmen, neben ihm auch der Schultheiß Heinrich Schreiber, der einer Kopfverletzung erlegen sei. An Laukhards Darstellung, Lutze sei gezwungen worden, kann gezweifelt werden, denn sowohl Lutze als auch Schreiber waren am 26.11.1792 Klubmitglieder geworden. (Scheel I, S. 892 und 906) Schreiber war es wohl auch, der dafür gesorgt hatte, dass bei der Volksbefragung auf dem Land, die vom 20. bis 23.12.1792 durch Kommissare durchgeführt wurde, 165 von 170 Einwohnern Oberolms für die Verfassung gestimmt hatten. (Scheel II, S. 178) Damit war Oberolm ein revolutionäres Musterdorf. Laukhard schreibt weiter: „Die Franzosen in Mainz hätten sich in dieser Rücksicht rächen können, aber sie handelten menschlich. Sie hatten einen Mainzer Professor, der, wie ich meine, Schaber hieß, als wirklichen Spion ertappt, und doch steckten sie ihn bloß ein, um sich vor ihm, während der Belagerung, zu sichern. Er saß überdies so leidlich, dass er, während er saß, so ein Ding von Tagebuch über die Mainzer Belagerung schrieb, und es nachher, nach der Übergabe, herausgab. Indes wie die Henne, so das Ei – elend!“ (Laukhard, S. 173/174) Es handelt sich dabei um das 1793 bei Gotthelf Immanuel Klimbt in Frankfurt erschienene Buch „Mein Tagebuch der Belagerung von Mainz“ von Carl Wilhelm Friedrich Schaber, der in heutigen Quellen als Verfasser von Travestien (komische Dichtung, der Verf.) und Abenteurer bezeichnet wird.
Bis genügend Artillerie zum Beschuss der Stadt vor Ort war, kam es zunächst zu Schanzarbeiten, zu denen auch Bauern aus der Umgebung gezwungen wurden. Laukhard schreibt „Die Bauern sind bei militärischen Werken…schlechte Arbeiter. Einmal sind die Leute immer gezwungen, und da schicken sie Kreti und Pleti, Kinder, Weiber, Mädchen, kurz alles, was nur gehen kann. Bei der Arbeit selbst wird entweder geflucht…und wenig oder nichts ausgeführt. Es scheint auch nicht sehr billig zu sein, den armen Bauern, welche ohnehin ihre liebe Not mit Lieferungen, Fuhren und dergleichen haben, auch noch die Last der Schanzarbeiten aufzulegen. Man bedenke, wie der arme Landmann bedrängt wird, wenn so ein Ungewitter in seiner Nähe schwebt, besonders die, welche auf 6, 8, 10 bis 12 Stunden von einer belagerten Festung zu Hause sind. Sollten sie aber demohngeachtet doch arbeiten, so sollte man den armen Leuten wenigstens Tagelohn geben. Ich habe bei Mainz…arme Leute arbeiten sehen, welche in 24 Stunden nichts essen konnten, weil ihr Vorrat alle war, und sie keinen Kreuzer Geld hatten. Dass man die armen Bauern bei solchen Arbeiten auch noch misshandelt, davon bin ich selbst Zeuge gewesen: dumme, unverständige Korporäle, und unmündige Offiziere schlugen die armen Leute, dass es eine Schande war. Barbarisch ist es vollends, dass man Landleute da arbeiten lässt, wo Gefahr ist, verwundet oder erschossen zu werden.“ (Laukhard, S. 364/365) Laukhard meint, für gefährliche Arbeiten sollten nur Soldaten verwendet werden, die dafür aber auch zusätzlich entlohnt werden müssten. Allerdings arbeiteten Soldaten auch nicht gerne und sagten: „Wenn ich hätte arbeiten wollen, wäre ich nicht Soldat geworden.“ (Laukhard, S. 364)
Da, wo Preußen und Franzosen nicht weit voneinander in Stellung lagen, entstand Rufweite und Laukhard fügt beispielhaft einen Dialog über die Gräben hinweg in seinen Text ein, mit dem er zeigen will, „dass auch die kühnsten Ideen ohne Wirkung bleiben, sobald sie familiär werden.“ (Laukhard, S. 380)
Pr: Hör, du sakkermentschter Patriot, wirst du bald die Schwerenot kriegen?
Fr: Elender Tyrannenknecht, sag wird dich dein Korporal bald lahm oder totprügeln lassen?
Pr: Du verfluchter Königsmörder!
Fr: Du niederträchtiger Sklav!
Pr: Ihr Spitzbuben habt euren König ermordet, und dafür müsst ihr alle zum Teufel fahren.
Fr: Wenn ihr keine Hundsfötter wäret, so würdet ihr es allen Tyrannen eben so machen! Wenn ihr das tätet, so wäret ihr noch Menschen, so aber seid ihr Tyrannensklaven, und verdient alle Prügel, die ihr bekommt.
Pr: Ihr habt noch alle eure Strafe vor euch. Die ganze Christenheit wird euch angreifen, und eure gottlosen Taten bestrafen.
Fr: Lass sie doch kommen, die ganze Christenheit mit dem ganzen Heer des Teufels und mit der Armee des Erzengels Michael: wir fürchten uns nicht!
Pr: Aber Mainz müsst ihr hergeben: das soll euch der Teufel nicht danken.
Fr: Lass auch Mainz zum Teufel fahren: glaubt ihr denn, wir scheren uns um so ein Rackernest, wie Mainz ist? Da steckt noch alles voll Pfafferei und Adel. Aber so leicht wollt ihrs doch nicht kriegen.
(Laukhard, S. 380/381)
Beide Seiten finden Spaß an diesem polemischen Gespräch. Es ist ja auch eine gewisse Langeweile im Stellungskrieg, trotz aller Gefahren und Vorsichtsmaßnahmen. Laukhard resümiert, der Mensch sei eine passive Gewohnheitsmaschine, die sich an Situationen und Verhaltensweisen auf Dauer anpasse.
Am Ende kam es durch das gegenseitige Kennenlernen dann sogar zu einem gewissen Fraternisieren. Nach den anfänglichen rein propagandistischen Vorwürfen hätte das Polemisieren beiden Seiten immer mehr Spaß gemacht. „Als endlich die öftere Wiederholung das Interesse daran schwächte, wurden sie gegenseitig sanfter und nannten sich zuletzt gar Kamerad oder Bruder. Sie machten oft sogar Kartel (Absprache, der Verf.) unter sich, versprachen sich nicht zu schießen und traten sodann auf die Verschanzung, wo sie sich ganz freundschaftlich mit einander unterhielten.“ (Laukhard, S. 382)
Laukhards Beschreibung aus dem Schützengraben setzt also ganz andere Schwerpunkte als Goethe. Während bei diesem neben der Ereignisbeschreibung ästhetische Elemente privilegierter Beobachtung an Gewicht gewinnen, sind es bei Laukhard soziale Elemente mitfühlender Beobachtung. Was beide allerdings gleichermaßen kritisch anmerken, ist die Misshandlung von „Klubbisten“ nach der Übergabe. Goethe stößt insbesondere die Selbstjustiz aus der Bevölkerung auf, die vom preußischen Militär nicht unterbunden werde. Aus der Zeit vor der Belagerung berichtet Laukhard von einem Ereignis aus seinem Heimatort Wendelsheim, bei dem ein Gastwirt, der von den Franzosen zum Maire ernannt worden sei, von seinen Konkurrenten und Gegnern im Dorf als „Klubbist“ denunziert und nach seiner Verhaftung auch misshandelt worden sei, bis sich ein preußischer Husar und der katholische Pfarrer des Dorfes für ihn einsetzten und ihn frei bekommen.
Die Nutzung politischer Ideen in Revolutionszeiten für Eigeninteressen, beschäftigt Laukhard immer wieder. Dem preußischen Beispiel aus Wendelsheim folgt in der Banditengeschichte Astolfo von 1801/02 eine Szene aus dem fiktiven Fürstentum Mezendore, in der ein Schuster sich zum öffentlichen Ankläger aufschwingt, frühere Gläubiger zu Aristokraten erklärt und beseitigen lässt. Der Schuster lässt schließlich ein totalitäres Gesetz verabschieden, in dem es heißt: „Item wird der öff. Ankläger für unfehlbar erkannt, und wenn er sagt, der oder der Kerl, das oder das Mensch ist aristokratisch gesinnt, so wird ihnen sofort der Kopf heruntergesäbelt mir nichts dir nichts.“ Die durch Reden aufgeheizte Menge stimmte dem Gesetz zu, „nur einige widersprachen, aber die fühlten bald die Kraft des neuen Gesetzes, und ihre Köpfe stacken bald auf Pfählen, welche Gassenjungen herumtrugen.“ (Weiß, S. 259) Hier übt Laukhard satirische Kritik an der jakobinischen Terreur in Frankreich und orientiert sich in seiner Kritik nicht an ideologischen Vorgaben der jeweils Herrschenden. Trotz der unterschiedlichen Lebensweise und gesellschaftlichen Karriere – Goethe wird zum Geheimrat und Dichterfürsten, Laukhard zum immer wieder stellungslosen Intellektuellen – gibt es an dieser Stelle Berührungspunkte in der Verteidigung individueller Freiheit gegenüber staatlichem Unrecht. Zudem sahen beide die politischen Verhältnisse durch die Ideen der französischen Revolution nachhaltig verändert.
„Von hier und heute geht eine Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen,“ schrieb Goethe dreißig Jahre nach der Kanonade von Valmy, nachdem er lange Zeit mit der französischen Revolution gehadert hatte. Allerdings schlägt sich in diesem Urteil vor allem Goethes Bewunderung für Napoleon nieder, und zwar nicht für den Feldherren, sondern für den Schöpfer einer neuen gesellschaftlichen Ordnung, die ihren Ausdruck in der Rechtsprechung des Code Civil fand. Der großbürgerliche Frankfurter sah möglicherweise, wie sich in den Rheinbundstaaten, aber insbesondere im Linksrheinischen daraus eine moderne Verfassungsbewegung entwickelt hatte.
Laukhard kritisiert die Terreur deutlich, auch wenn er meint, dass sie mit ausgelöst worden sei durch den Krieg gegen das revolutionäre Frankreich. Aber er fasst auch zusammen, was er aus den Erfahrungen seiner Zeit in Frankreich als Substanz der von ihm geschätzten Begriffe von Freiheit und Gleichheit ansieht: Erbadel widerspreche dem Gleichheitsprinzip, keine Privilegien auch zum Nachteil anderer, so durch Monopole, Innungen oder Zünfte, keine partikulären Gesellschaften mit Sonderrechten wie Orden oder Kirchen, wiewohl man als Person einer Religion oder Philosophie angehören könne, Leben von seiner Hände Arbeit und zum Besten des Staates. Das ist sein Ideal einer Republik. Und aus diesem Grund heraus lehnt er auch Napoleon ab, so in seiner anonym erschienenen Schrift „Bonaparte und Cromwell. Ein Neujahrsgeschenk für die Franzosen von einem Bürger ohne Vorurteil“ aus dem Jahr 1801. Allerdings schreibt er hier auch im Eigeninteresse und hofft zu dieser Zeit, in Preußen eine Anstellung zu erhalten. Zehn Jahre später – er ist seit 1804 Pfarrer im Hunsrückort Veitsrodt, damals im französischen Saar-Departement – wird er wegen dieser Schrift von den Franzosen festgenommen und bleibt drei Jahre in Haft. Als er 1814 entlassen wird, ist Napoleons Zeit vorbei und Laukhard bittet Goethe in einem Brief vom 12.11.1814 um Hilfe. Antwort oder Reaktion Goethes sind nicht bekannt. Schließlich lässt sich Laukhard in Kreuznach als Privatlehrer nieder, wo er in der Nacht vom 28. auf den 29. April 1822 im Alter von 64 Jahren stirbt.
Es dauerte rund 150 Jahre, bis nicht nur Laukhards Beschreibungen des studentischen Lebens in Halle, sondern auch seine autobiografischen Schriften insgesamt und schließlich auch Teile seiner vergessenen Romane wieder öffentlich gemacht wurden. Das hat unser Bild der Zeit um 1800 maßgeblich vervollständigt. Und gut lesbar sind Laukhards Texte zudem bis heute geblieben.
Literatur:
Gallé, Volker: Die Belagerung von Mainz aus der Sicht Goethes und Laukhards, in: Landtag Rheinland-Pfalz (Hrsg.), Die Mainzer Republik, Mainz 1993, S. 213 – 218.
Laukhard, Friedrich Christian: Leben und Schicksale, Dritter Teil, Leipzig 1796, Nachdruck Frankfurt a.M. 1987.
Sangmeister, Dirk: Ein vorzeitig totgesagter Freigeist. Zur Erinnerung an Friedrich Christian Laukhard (1757 – 1822), in: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge XXXII H. 2, Bern 2022, S. 413 – 417.
Scheel, Heinrich: Die Mainzer Republik I. Protokolle des Jakobinerklubs, Berlin 1984 und Die Mainzer Republik II. Protokolle des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents mit Quellen zu seiner Vorgeschichte, Berlin 1981.
Schweigard, Jörg: Friedrich Lehne. Revolutionspoet, Frühdemokrat, Journalist, Obernburg 2018.
Weiß, Christoph: Friedrich Christian Laukhard (1757 – 1822), Band III, Ausgewählte Texte, St. Ingbert 1992.
Friedrich Christian Laukhard
Gesellschaft e. V.
Sitz in Wendelsheim/Rheinhessen
Geschäftsstelle
Sandstraße 9 | 55271 Stadecken-Elsheim
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