Geisterreich des Idealismus und Kritik der Wirklichkeit

„Der hungrige Bauch hat keine Ohren!“ 

Friedrich Christian Laukhard

Gegen den Idealismus Goethes und Schillers, die in der Ablehnung der Französischen Revolution eine gemeinsame Basis für ihre Zusammenarbeit finden und in den Horen ein Forum für alle Gleichgesinnten schaffen, die sich dem „Ideal veredelter Menschheit“ (1) verpflichtet fühlen, setzt Laukhard den bitteren Zorn auf menschenunwürdige Zustände, unberechtigte Privilegien und schiefe Denkweisen. Bei Laukhard wird die „Idee“ nicht zum Gott erhoben. Er sieht und kritisiert die gesellschaftliche Wirklichkeit seiner Zeit.

Goethe und Schiller hingegen wollen die zerrissene, politisch und revolutionär gewordene Welt unter dem Zauber von „Wahrheit und Schönheit“ wieder zusammenbringen. Dabei geht es ihnen um die Idee des rein Menschlichen, das über allen Einfluss der Zeiten erhaben ist. „Gesellige Bildung“ und „ästhetische Erziehung“ werden zum Postulat, eine aus dem Ruder laufende politische Wirklichkeit zugunsten einer harmonisierenden Bildungsidee neu zu ordnen. In seinem Aufsatz Literarischer Sanscultottismus, der 1795 in den von Schiller herausgegebenen Die Horen erschienen ist, schreibt Goethe über die Französische Revolution:

„Wir wollen die Umwälzungen nicht wünschen, die in Deutschland klassische Werke vorbereiten könnten.“ (2)

Laukhard hält dagegen. Er kritisiert das Geisterreich des deutschen Idealismus, das Goethe und Schiller vertreten, vehement. Er polemisiert direkt gegen das von ihnen vorgestellte ästhetische Programm.

In seiner 1794 erschienenen Ankündigung der Zeitschrift Die Horen erklärt Friedrich Schiller die Absichten, die er mit seiner kommenden Zeitschrift verfolgt. Laukhard hält im Zuchtspiegel für Adliche dagegen.

Friedrich Schiller:

Ankündigung
Die Horen, eine Monatsschrift,
von einer Gesellschaft verfaßt
und herausgegeben
von Schiller.

Zu einer Zeit, wo das nahe Geräusch des Kriegs das Vaterland ängstiget, wo der Kampf politischer Meinungen und Interessen diesen Krieg beinahe in jedem Zirkel erneuert, und nur allzuoft Musen und Grazien daraus verscheucht, wo weder in den Gesprächen noch in den Schriften des Tages vor diesem allverfolgenden Dämon der Staatskritik Rettung ist, möchte es ebenso gewagt als verdienstlich sein, den so sehr zerstreuten Leser zu einer Unterhaltung von ganz entgegengesetzter Art einzuladen. In der Tat scheinen die Zeitumstände einer Schrift wenig Glück zu versprechen, die sich über das Lieblingsthema des Tages ein strenges Stillschweigen auferlegen und ihren Ruhm darin suchen wird, durch etwas anders zu gefallen, als wodurch jetzt alles gefällt. Aber je mehr das beschränkte Interesse der Gegenwart die Gemüter in Spannung setzt, einengt und unterjocht, desto dringender wird das Bedürfnis, durch ein allgemeines und höheres Interesse an dem, was rein menschlich und über allen Einfluß der Zeiten erhaben ist, sie wieder in Freiheit zu setzen, und die politisch geteilte Welt unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit wieder zu vereinigen.

Dies ist der Gesichtspunkt, aus welchem die Verfasser dieser Zeitschrift dieselbe betrachtet wissen möchten. Einer heitern und leidenschaftfreien Unterhaltung soll sie gewidmet sein, und dem Geist und Herzen des Lesers, den der Anblick der Zeitbegebenheiten bald entrüstet, bald niederschlägt, eine fröhliche Zerstreuung gewähren. Mitten in diesem politischen Tumult soll sie für Musen und Charitinnen einen engen vertraulichen Zirkel schließen, aus welchem alles verbannt sein wird, was mit einem unreinen Parteigeist gestempelt ist. Aber indem sie sich alle Beziehungen auf den jetzigen Weltlauf und auf die nächsten Erwartungen der Menschheit verbietet, wird sie über die vergangene Welt die Geschichte und über die kommende die Philosophie befragen, wird sie zu dem Ideale veredelter Menschheit, welches durch die Vernunft aufgegeben, in der Erfahrung aber so leicht aus den Augen gerückt wird, einzelne Züge sammeln und an dem stillen Bau beßrer Begriffe, reinerer Grundsätze und edlerer Sitten, von dem zuletzt alle wahre Verbesserung des gesellschaftlichen Zustandes abhängt, nach Vermögen geschäftig sein. Sowohl spielend als ernsthaft wird man im Fortgange dieser Schrift dieses einzige Ziel verfolgen, und so verschieden auch die Wege sein mögen, die man dazu einschlagen wird, so werden doch alle, näher oder entfernter, dahin gerichtet sein, wahre Humanität zu befördern. Man wird streben, die Schönheit zur Vermittlerin der Wahrheit zu machen und durch die Wahrheit der Schönheit ein daurendes Fundament und eine höhere Würde zu geben. Soweit es tunlich ist, wird man die Resultate der Wissenschaft von ihrer scholastischen Form zu befreien und in einer reizenden, wenigstens einfachen, Hülle dem Gemeinsinn verständlich zu machen suchen. Zugleich aber wird man auf dem Schauplatz der Erfahrung nach neuen Erwerbungen für die Wissenschaft ausgehen und da nach Gesetzen forschen, wo bloß der Zufall zu spielen und die Willkür zu herrschen scheint. Auf diese Art glaubt man zu Aufhebung der Scheidewand beizutragen, welche die schöne Welt von der gelehrten zum Nachteile beider trennt, gründliche Kenntnisse in das gesellschaftliche Leben und Geschmack in die Wissenschaft einzuführen.

Man wird sich, soweit kein edlerer Zweck darunter leidet, Mannigfaltigkeit und Neuheit zum Ziele setzen, aber dem frivolen Geschmacke, der das Neue bloß um der Neuheit willen sucht, keineswegs nachgeben. Übrigens wird man sich jede Freiheit erlauben, die mit guten und schönen Sitten verträglich ist.

Wohlanständigkeit und Ordnung, Gerechtigkeit und Friede werden also der Geist und die Regel dieser Zeitschrift sein; die drei schwesterlichen Horen Eunomia, Dice und Irene werden sie regieren. In diesen Göttergestalten verehrte der Grieche die welterhaltende Ordnung, aus der alles Gute fließt, und die in dem gleichförmigen Rhythmus des Sonnenlaufs ihr treffendstes Sinnbild findet. Die Fabel macht sie zu Töchtern der Themis und des Zeus, des Gesetzes und der Macht; des nämlichen Gesetzes, das in der Körperwelt über den Wechsel der Jahrszeiten waltet und die Harmonie in der Geisterwelt erhält.

Die Horen waren es, welche die neugeborene Venus bei ihrer ersten Erscheinung in Cypern empfingen, sie mit göttlichen Gewanden bekleideten und so, von ihren Händen geschmückt, in den Kreis der Unsterblichen führten: eine reizende Dichtung, durch welche angedeutet wird, daß das Schöne schon in seiner Geburt sich unter Regeln fügen muß und nur durch Gesetzmäßigkeit würdig werden kann, einen Platz im Olymp, Unsterblichkeit und einen moralischen Wert zu erhalten. In leichten Tänzen umkreisen diese Göttinnen die Welt, öffnen und schließen den Olymp und schirren die Sonnenpferde an, das belebende Licht durch die Schöpfung zu versenden. Man sieht sie im Gefolge der Huldgöttinnen und in dem Dienst der Königin des Himmels, weil Anmut und Ordnung, Wohlanständigkeit und Würde unzertrennlich sind.

Daß die gegenwärtige Zeitschrift des ehrenvollen Namens, den sie an ihrer Stirne führt, sich würdig zeigen werde, dafür glaubt der Herausgeber sich mit Zuversicht verbürgen zu können. Was ihm in seiner eignen Person nicht geziemen würde zu versichern, das erlaubt er sich als Sprecher der achtungswürdigen Gesellschaft, die zu Herausgabe dieser Schrift sich vereinigt hat. Mit patriotischem Vergnügen sieht er einen Entwurf in Erfüllung gehen, der ihn und seine Freunde schon seit Jahren beschäftigte, aber nicht eher als jetzt gegen die vielen Hindernisse, die seiner Ausführung im Wege standen, hat behauptet werden können. Endlich ist es ihm gelungen, mehrere der verdienstvollesten Schriftsteller Deutschlands zu einem fortlaufenden Werke zu verbinden, an welchem es der Nation trotz aller Versuche, die von Einzelnen bisher angestellt wurden, noch immer gemangelt hat und notwendig mangeln mußte, weil gerade eine solche Anzahl und eine solche Auswahl von Teilnehmern nötig sein möchte, um bei einem Werk, das in festgesetzten Zeiten zu erscheinen bestimmt ist, Vortrefflichkeit im einzelnen mit Abwechslung im ganzen zu verbinden. …

Da sich übrigens die hier erwähnte Sozietät keineswegs als geschlossen betrachtet, so wird jedem deutschen Schriftsteller, der sich den notwendig gefundenen Bedingungen des Instituts zu unterwerfen geneigt ist, zu jeder Zeit die Teilnahme daran offenstehen. Auch soll jedem, der es verlangt, verstattet sein, anonym zu bleiben, weil man bei Aufnahme der Beiträge nur auf den Gehalt und nicht auf den Stempel sehen wird. Aus diesem Grunde, und um die Freiheit der Kritik zu befördern, wird man sich erlauben, von einer allgemeinen Gewohnheit abzugehen und bei den einzelnen Aufsätzen die Nahmen ihrer Verfasser bis zum Ablauf eines jeden Jahrgangs verschweigen, welches der Leser sich um so eher gefallen lassen kann, da ihn diese Anzeige schon im Ganzen mit denselben bekannt macht.

Jena, den 10. Dec. 1794.
Schiller. (3)

Friedrich Christian Laukhard:

Ich hoffe, alle einsichtigen Ärzte, Gesetzkundige, Erzieher, Philosophen, Prediger und Fürsten werden mir hier beistimmen und dann einsehen: …

Keine Regierung könne die Völker bürgerlich frei machen, bevor diese sich nicht selbst moralisch frei gemacht hätten. Dies ist wahrlich eben so viel, als wenn man behaupten wollte, man müsse keinem erlauben, eher gehen zu lernen, bis er tanzen gelernt hätte, oder sich nicht eher ins Wasser wagen, bis er schwimmen könnte; oder einen Fieberkranken kurieren zu wollen, ohne für die Wegschaffung der pestilanzialischen Luft und erhitzender Nahrungsmittel gesorgt zu haben; oder einer Taube die Flügel festzuhalten und doch zu fordern, sie solle fliegen!  … 

Auf eben diesem verkehrten und der Natur widersprechenden Wege finden wir auch den Herausgeber und die Verfasser der Horen. Beide sprechen, laut der Ankündigung, von dem allverfolgenden Dämon der Staatskritik – von einem Lieblingsthema des Tages, und von den Horen, als von einer Schrift, die sich ein strenges Stillschweigen darüber auferlegen und ihren Ruhm darin suchen wird, durch etwas anderes zu gefallen, wodurch jetzt alles gefalle. Je mehr das beschränkte Interesse der Gegenwart die Gemüter in Spannung setze, einenge und unterjoche, desto dringender werde das Bedürfnis, durch ein allgemeineres und höheres Interesse an dem, was rein menschlich und über allen Einfluss der Zeiten erhaben sei, sie wieder in Freiheit zu setzen, und die politisch-geteilte Welt unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit wieder zu vereinigen …

Alles recht gut und löblich! Aber wie dies zu Stande bringen? Wie irgend Leute zum Tanze oder Ball bestimmen, in deren Nachbarschaft es brennt? Oder denen es an dem Nötigen fehlt, um an dem Angenehmen teilnehmen zu können? Wie ein Haus oder Garten verschönern, wenn man weder Haus noch Garten eigentümlich besitzt, oder wenigstens nichts dazu übrig hat? Necessaria utilibus, utilia iucundis praeferenda sunt (Man muss das Notwendige dem Nützlichen und das Nützliche dem Angenehmen vorziehen) sagt Cicero. Und eben die Vindizierung des Notwendigen und Nützlichen ist das Lieblingsthema des Tages, und der Gegenstand für den allverfolgenden Dämon der Staatskritik. Dies ignorieren und die Menschen durch ein höheres Interesse in Freiheit setzen wollen, wie vorzeiten das Lieblingsthema aller Kreuzfahrer und Ordensstifter war. Das musste das gegenwärtige Irdische verachtet und bloß das zukünftige Höhere gesucht und geachtet werden. Man folgte haufenweise, aber was erwarb man? Hirngespinste, asketische Faselei und Ketzermorde. –  

Unser Magen ist nicht rein menschlich, noch weniger über allen Einfluss der Zeiten erhaben: er fordert reelle Befriedigung für den Darmsinn; und hat er die zur Genüge und sicher, dann erst hat unser Kopf und Herz Zeit und Geschmack für Ideenspeise. Sonst hat der hungrige Bauch keine Ohren weder für Logik, noch für Ästhetik, noch für Moral; wohl aber Fäuste zum Zugreifen; …                                                  

Patriotische Gelehrte sollten also als Vermittler zwischen dem Volk und dem Fürsten auftreten, die Sache beider unparteiisch untersuchen, und dadurch glimpflich das bewirken helfen, was zur allgemeinen Abspannung der Gemüter, durch gegenseitige Befriedigung nach Recht und Pflicht dienet.

Hört erst alle Usurpation, aller Despotismus auf, eröffnet oder erweitert man die Brotquellen durch verbesserten Ackerbau, Manufakturen, Fabriken, Kommerz, Pressefreiheit u. dgl., werden die Rechte der Geringsten erst allgemein beachtet, erhält jeder Würdige ohne Unterschied der Geburt freien Zutritt zu Dienststellen und Pachtungen, hebt man die Fronen, übertriebene Steuern, Wildhegungen , kurz alles das auf, was die Menschen zur Sklavenarbeit zwingt, ohne die Früchte ihrer Arbeit je in Ruhe zu genießen – dann bedarf es nur eines Winkes durch Beispiel, um sie dahin zu bringen, wohin Die Horen es sollen. Geschieht das nicht, wie werden Die Horen es erreichen, die politisch-geteilte Welt unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit wieder zu vereinigen? Wie gesagt, der hungrige Bauch hat keine Ohren, keine Augen! Daher bei uns der Mangel an Kunstgefühl, Kunstachtung, Schändung der öffentlichen Denkmäler … (4)

Anmerkungen

  1. Schiller, Friedrich: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. In: Ders.: Sämtliche Werke. Band V, München 1989, S. 570 – 669.
  2. Goethe, Johann Wolfgang von: Literarischer Sansculottismus. In: Ders.: Werke. Hamburger Ausgabe. Band 12, München 1988, S. 241.
  3. Schiller, Friedrich: Ankündigung. Die Horen, eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und herausgegeben von Schiller. In: Ders.: Sämtliche Werke. Band V, München 1989, S. 870 – 873.
  4. Laukhard, Friedrich Christian: Zuchtspiegel für Adliche, Paris 1799, S. 21 ff. In: Stein, Peter (Hg.) 1973, S.55, gekürzt; der neuen Orthographie angepasst.

Literatur

Goethe, Johann Wolfgang von: Literarischer Sansculottismus. In: Ders.: Werke. Hamburger Ausgabe. Band 12, München 1988.

Laukhard, Friedrich Christian: Zuchtspiegel für Adliche, Paris 1799. In: Stein, Peter (Hg.) 1973, gekürzt; der neuen Orthographie angepasst.

Schiller, Friedrich: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. In: Ders.: Sämtliche Werke. Band V, München 1989, S. 570 – 669.

Ders.: Ankündigung. Die Horen, eine Monatsschrift, von einer Gesellschaft verfaßt und herausgegeben von Schiller. In: Ders.: Sämtliche Werke. Band V, München 1989, S. 870 – 873.

Friedrich Christian Laukhard
Gesellschaft e. V.
Sitz in Wendelsheim/Rheinhessen

Geschäftsstelle
Sandstraße 9 | 55271 Stadecken-Elsheim

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